Unsere Reise Richtung Westen bewegt sich in kanadischen Verhältnissen immer noch recht langsam, für uns sind jedoch die täglichen Stecken von ca. 300 km einiges. Das ist diesmal die Distanz zum nächsten Ontariopark, Sleeping Giant.

Wie es sich für uns gehört, nehmen wir unterwegs alles Interessante mit, was die Reiseprospekte vorschlagen. Auf der Strecke über den Trans Canada Highway Nr. 17, die direkte Route von Ost nach West (nördlich der Großen Seen), gibt es mehr zu Entdecken als man vermutet. Gespickt mit National- & Ontarioparks und zahlreichen Ortschaften, haben wir diesen gefunden: der Indian Head (Indianer Kopf) inmitten einer gigantischen Schlucht. Ausgeschildert als Ouimet Canyon, folgen wir den Schildern ein paar Kilometer abseits der Schnellstraße einen Berg hinauf. Die Kanadier nennen diese Schlucht gerne ihren Grand Canyon, mit der imposanten Größe der amerikanischen Version kann diese jedoch nicht mithalten. Die Geschichte zum Indian Head und der Ouimet Schlucht mit deren Aussicht, ist trotzdem mehr als spannend.

Die Fakten – Quimet Schlucht: 100 Meter tief, 150 Meter breit und 2 Kilometer lang. (US Grand Canyon: 1,8 km tief, bis zu 29 km breit und 446 km lang)

Die Geschichte: Die Ojibway glauben, dass vor vielen Jahren noch Giganten das Land geformt haben, die Berge errichteten und Seen erschufen. Darunter waren Omett und Nanna Bijou, Heilige der Ojibway. Eines Tages verliebte sich Omett in die Tochter von Nanna Bijou. Als Omett jedoch einen weiteren Berg erschuf, brach ein Stück ab und tötete Naiome, die Tochter von Nanna Bijou. Aus Angst vor den Konsequenzen, legte er Naiome in einen See und bedeckte sie mit Felsgestein.
Auf der Suche nach seiner Tochter erfühlte Nanna Bijou ihre Präsens unter dem Gestein. In diesem Augenblick ergriff er aus dem Himmel einen Blitz und schleuderte diesen gegen das Felsgestein, welches darunter zerbrach und eine weite Schlucht erschuf. Den freigelegten Körper legte Nanna Bijou in diese Schlucht. Zugleich bestrafte er Omett indem er ihn in Stein verwandelte und an der Seitenwand der Schlucht platzierte, um für immer seine Tochter Naiomi zu bewachen.

Wir setzen unsere Reise fort. Begleitet von Sonne sehnen wir uns verzweifelt nach einer Abkühlung. Glücklicherweise sehen wir einige Kilometer weiter ein paar Frauen mit nassen Haaren und Handtüchern entlang der Schnellstraße spazieren. Das riecht nach Wasser!
Kurz ran gefahren und die Infos zur nächsten Schwimmmöglichkeit eingeholt, geht es in eine Seitenstraße zu einem keinen Bachlauf und einem natürlichen Endlos-Pool (Adresse: 17 5 Road North, Shuniah ON P0T). Bestückt mit Steg und Sprungbrett ist es die perfekte Möglichkeit sich abzukühlen. Die Strömung sorgt für den Endlos-Pool 😉

Bevor wir die Nacht auf dem Campingplatz des Sleeping Giant Parks verbringen, suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen auf der Seitenstraße kurz vor dem Park. Über die Schotterpiste geht es Kilometerweit durchs Niemandsland, von Parkmöglichkeiten keine Spur. Wir entdecken einzelne Wohnhäusern, aber im Vorgarten wollen wir diesmal lieber nicht übernachten. Wir sind schon dabei aufzugeben, als wir eine einsame Wiese am Wasser sehen – perfekt!

Am frühen Morgen geht es in den Sleeping Giant Provincial Park und auf den längsten sowie steilsten Wanderweg den der Park zu bieten hat – klar, wir brauchen immer eine Herausforderung.
Wir parken das Auto am Campingplatz, denn nach Aussagen ist der erste Teil der Strecke mit dem Fahrrad befahrbar.

Die Eckdaten zur Tour:
+ 5 km Asphalt vom Campingplatz zum Wanderweg
+ 8 km unbefestigter Wander-/Fahrradweg zum Beginn des Sleeping Giant Wanderwegs
+ 3.5 km zum Gipfel des Sleeping Giant (300 Höhenmeter)
+ 5 km entlang des Talus Lake Trails zur zweiten Aussicht
Und dann wieder zurück …

Eins vorneweg, die Aussicht vom Sleeping Giant Head ist sensationell!
Aber eins nach dem anderen. Die 8 km Fahrradtour entlang des Wanderwegs genießt man erst mit einem Cross-Bike oder Mountainbike. Da es aber relativ eben ist, machen uns die Steine auf dem Weg nicht so viel aus. Immerhin spart man sich die 8 km langatmige Waldpassage. Dann geht’s ins Dickicht und nach 1 km steil Bergauf, für 2.5 km – phu! Mit frischen Beinen, gestärkt durch unser typisches Kanada-Camper-Frühstück (Haferflocken mit Banane, Erdnussbutter, Leinsamen und Cranberries), spurten wir relativ schnell hoch. Entlang des Weges kommt man an 2–3 schönen Aussichtspunkten vorbei, doch wer nicht bis zum Ende geht, wird es bereuen! Einmal oben angekommen sind die restlichen 20 Minuten um den Berg schnell abgelaufen. Dann wird man von einer gigantischen Schlucht und einer unglaublichen Aussicht überwältigt! Höhenangst sollte man hier nicht haben …
Wir posieren für ein paar Schnappschüsse bevor wir unser mitgebrachtes Mittagessen am Abhang verspeisen (es gibt belegte Brötchen).

Es geht wieder runter, und nach nur knapp 8 gelaufenen Kilometern (die 13 Fahrrad Kilometer nicht mitgerechnet), haben wir noch nicht genug und beschließen den Weg zur zweiten Aussichtsplattform zu wandern. Es sind ja nur 5 km … Das unwegsame Gelände, ein paar Hügel, die Hitze und der Rucksack machen die Strecke jedoch nicht leichter. Am Nanabosho Lookout angekommen, sind wir geschafft und brauchen erst mal einen Notfall-Power-Riegel. Die Aussicht ist schön, jedoch nicht vergleichbar mit der vom Sleeping Giant Head.

Für uns geht’s jetzt zurück zum Zeltplatz. Wir freuen uns auf ein Bad im nahe gelegenen See. Nicht im Superior See welcher uns umgibt, dieser ist immer noch vieeel zu kalt, sondern im Innland-See Marie Louise. Wir müssen feststellen, dass sich dieser See auch noch nicht erwärmt hat. So wird’s dann eine Dusche am Zeltplatz.
Mit zahlreichen Wanderkilometern, dabei einigen Rundwegen, bietet der Sleeping Giant Provincial Park viel für das Wanderherz.

Die Suche nach einem Nachtlager erweist sich als schwierig, deswegen nächtigen wir ausnahmsweise mal wieder an unserem beliebten Walmart Parkplatz. Belohnt werden wir nicht nur mit WLAN, sondern mit einem der schönsten Sonnenuntergänge!

Am nächsten morgen schmerzen noch die Beine, wir brauchen eine Pause und wollen ans Wasser in Thunderbay. Dank Corey, welchen wir im Pukaskwa National Park kennengelernt haben, bekommen wir den Tipp zu den nahe gelegenen Stromschnellen zu fahren (15 km nördlich vom Stadtzentrum). Das klingt nach Abenteuer und wir lassen es uns nicht zweimal sagen.

Was wir hier erleben, müsst ihr euch am besten selbst mit unserem Video anschauen – Kamera bereit, Action!

Am Abend besteigen wir außerdem noch den Berg McKay. Im Indianer Reservat Fort Williams gelegen, bietet der Berg mit 330 Meter über der Stadt die Aussicht auf die Weiten des Superior Sees und den schlafenden Riesen, den wir einen Tag zuvor erklommen haben.
Tipp: Auftanken im Reservat an der dritten Tankstelle, die im Ortszentrum ist! Die vorherigen sind teurer.

Wir wären nicht wir, wenn wir uns nicht zudem noch geschichtlich intensiver weiterbilden würden. Und was gibt es prägenderes für Kanada als Kanus und Pelzhandel?! Wir besuchen am nächsten Morgen den Handelsposten Fort Williams, eines der größten Pelz-Umschlagplätze der North West Company in jener Zeit. Durch die zahlreichen Schauspieler erleben wir hier hautnah wie sich das Leben vor etwa 300 Jahren in so einem Handelsposten abgespielt hat – definitiv empfehlenswert!

Auf unserer Pelzroute machen wir auch einen Halt bei den nahegelegen Kakabeka Wasserfällen, die imponieren mit ihrer Größe. Außerdem lässt sich eine der dreizehn Portagestrecken auf diesem Fluss ablaufen. Diese alleine hat eine Wanderlänge von 1,3 km, damals zusätzlich mit schwerer Ausrüstung. Bei einer Handelsmission waren neun Männer in einem Montreal Kanu, hergestellt aus Birkenrinde, gemeinsam unterwegs. Im Handelsposten haben wir gelernt, dass jeder der Händler 90 Kilo Pelz plus das Kanu transportierte, sowie das Essen. Auch ein spannender Fakt: Was haben die gegessen? Ein Mix aus Büffelfett! Mhhhh …wochenlang Büffelfett.

Auf der Seite der Hudson Bay Company, der Konkurrenz und später Muttergesellschaft, findet ihr eine sehr gute Darstellung der Pelzhandel-Routen eine interaktive Zeitleiste mit Ereignissen und viele weitere Geschichtliche Informationen. Eine detaillierte Entwicklung der Pelzhandelsgesellschaften haben wir hier für euch zusammengestellt.

Geschichtliche Entwicklung der Pelzhandelsgesellschaften:
1600 Nachfrage nach Pelz in Europa steigt und rottet heimische Arten wie den Bieber fast aus.
1604 Grundsteine für Quebec City wird gelegt.
1610
Henry Hudson kundschaftet die große Bucht Nordamerikas aus, die zuvor bei der Suche nach der Nordwest-Passage Richtung Asien entdeckt wurde. Im Packeis gefangen gibt es nach dem harten Winter eine Meuterei und die Schiffsmannschaft setzt Hudson mit seinen Söhnen aus, der seitdem nie wieder gesehen werden. Trotzdem erkennt man das Potenzial der Region für  den Pelzhandel und nennt die Bucht „Hudson Bay“.
1650 Der französische König Henry IV bewilligt und fördert den Pelzhandel mit den neuen Kolonien am St. Lowrence River (Quebec).
1659 Die sogenannten Voyageurs (französische Kundschafter und Pelzhändler), wie Pierre Esprit Radisson and Médard Chouart, Sieur des Groseilliers, reisen von Montreal bis zum Superior See um Pelz mit den Cree und Ojibwa Indianern zu handeln.
1660 Ohne Besitz einer Handelsgenehmigung werden Radisson und Chouart kurzzeitig von der Regierung in Neu Frankreich festgenommen und ihre 100 Kanus voller Felle werden beschlagnahmt, sodass sie sich von Neu Frankreich abwenden.
1668 Nach länger Investorsuche in Neu England und England, finden Radisson und Chouart in England Investoren für ihre nächsten Pelz-Expedition über die Hudson Bay Route, die abseits der Französichen Kontrolle führt und mehr Profit verspricht. Zu den Investoren zählen Karl II (König von England), dessen Cousin Prinz Rubrecht und weitere Geschäftsleute.
1670 Nach der erfolgreichen Expedition erteilt König Karl II dem Prinzen Ruprecht, zusammen mit den Voyageurs Radisson und Chouart die alleinigen Handelsrechte über das Gebiet der Hudson Bay. Es umfasste eine Größe von 3,9 Millionen km², mehr 1/3 des heutigen Kanada, und erstreckte sich bis in den nördlichen mittleren Westen der USA. Es bestand aus allen Flüssen die in die Hudson Bay münden. Die Hudson Bay Company (HBC), erste eingetragene Pelz-Handelsgesellschaft ist geboren.


2015 HBC kauft die Deutsche Handelskette Galleria Kaufhof

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